SVEN AMTSBERG

RAKETE SCHMIDT






Wir hatten schon einige Gräber besucht. Vater liebte Gräber,  wenn man so wollte, und je älter er wurde, um so mehr beschäftigte er sich damit. Mit der Materie, wie er sagte, aber den Tod meinte, der ganz sicher alles war, nur nicht Materie. Aber ich sagte besser nichts. Vater verstand keinen Spaß, wenn es um den Tod ging. 


Blumen, sagte Vater, große Blumen, aber nichts Gewöhnliches, und begann mit den Händen Blumenknospen über seinem Kopf zu formen, die aufblühten, wild an ihren Stängeln zerrten und sich dann wieder schlossen. Sie erinnerten an fleischfressende Pflanzen. Vielleicht wollte er so etwas auf seinem Grab. Vater war, zumindest was den Tod anbelangte, alles zuzutrauen.


Und der Stein solle die Form eines Tieres haben. Etwas Gefährliches und gerne groß, sehr groß. Vater dachte an einen Bären, der auf seinem Grab stehen und die Lebenden vertreiben sollte. Doch als er erfuhr, was so etwas kosten würde, entschied Vater, dass es doch auch ein einfacher Adler tun würde. Und nach Möglichkeit sollte ich mindestens einmal die Woche kommen, um diesen Adler zu putzen. Ein Adler müsse sauber sein, sonst nütze er nichts.


Kurz darauf stand dieser Adler in Vaters Arbeitszimmer, und es war erst einmal Vater, der den Adler putzte, und dann irgendwann schon so lange putze, dass der Adler langsam verblasste, die Augen trüb wirkten, und auch das Gefieder geriet mit den Jahren mehr und mehr in Mitleidenschaft, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir den Adler begraben müssten und einen neuen besorgen, oder dass wir uns etwas ganzes anderes überlegten. Etwas Robusteres. Auch abstrakter vielleicht, schlug ich vor. Etwas aus Naturstein. 


Kein Wischiwaschi, sagte Vater wirsch, der Tod sei Wischiwaschi genug.

Aber noch stand der Adler auf einem Regal im Rücken von Vater, der oft an dem Schreibtisch davor saß, und in der Zeit, die ihm blieb, noch etwas Bedeutendes schaffen wollte. Vater zäumte das Pferd von hinten auf, wenn man so wollte. Erst einmal wollte er dafür Sorge tragen, begraben zu werden wie ein bedeutender Mensch, dann erst kümmerte er sich darum, was dieses Bedeutende sein könnte. Es wurde nicht leichter mit dem Adler und dem Tod und alledem im Nacken, das spürte auch Vater, selbst Vater.


Mein Bruder sagte, dass er manchmal wünsche, Vater hätte sich mit solch einem Enthusiasmus, ja, so musste man es wirklich nennen, für das Leben interessiert, wie er es jetzt für den Tod tat. Fast schon konnte man sagen, dass der Tod zu seinem Hobby geworden war. Natürlich sagte man das nicht, schon gar nicht wenn Vater dabei war, noch immer konnte er sehr aufbrausend sein. Aber ja, seit er sich für den Tod zu interessieren begonnen hatte, war die Lebensfreude zurückgekehrt, oder überhaupt erst gekommen. Es hatte auch schon eine Zeit gegeben, in der Vater zuzutrauen gewesen wäre, einfach von einem Moment auf den nächsten mir nichts dir nichts zu sterben. Nun sah nichts mehr danach aus – mein Vater hatte einmal einen Wolf mit dem Spaten erschlagen, als dieser dem Grundstück zu nahe kam, und Vater war zuzutrauen, dass er Ähnliches auch mit dem Tod tat.


Mutter war irgendwann ausgezogen. Aber schon vor der Sache mit dem Tod, ein anderer Mann, und eine Weile hatte Vater dann noch nach einer Frau gesucht, die war wie Mutter, doch dann hatte er es aufgegeben und statt einer neuen Frau, hatte er mit dem Tod begonnen, war mit diesem eine leidenschaftliche Affäre eingegangen, die sich immer weiter auswuchs, schließlich was Ernstes wurde.


Vater hatte kleine Probegräber, wie er das nannte, im Garten angelegt. Teilweise hatte er sich die Gräber selbst ausgedacht, einige waren inspiriert von prominenten Vorbildern. Das Grab von Elvis Presley etwa. Er probierte verschiedene Blumenarrangements aus. Es solle aber nicht zu schwul aussehen, mahnte Vater. So war er, wir schämten uns manchmal für ihn. Vater, der auch fand, dass ich zu schwul aussah. Was daran liegen konnte, dass ich schwul war, es ihm aber nie gesagt hatte. 

Vater hatte begonnen zu dichten. Grabsteinlyrik, wie er das nannte, wenn sich nichts oder doch alles auf Tod oder Hans reimte, und ich dann vorschlug, vielleicht würde ja auch etwas Vorgefertigtes genügen. Von Rilke etwa.  

Rilke wolle er nicht auf seinem Grab haben, das müsse klar sein.

Ich nickte nur. 


Kurz hatte Vater die Idee, dort solle unter seinem Namen »Rakete« stehen. Einfach nur »Rakete«. Einfach so. Als Bild, und dass die Leute stehen blieben und stutzten und nachdachten. Im Grunde all das taten, was sie zu Lebzeiten nie getan hatten. Vater hatte seine Schrullen immer gut unter einer demonstrativ zur Schau gestellten Gewöhnlichkeit zu kaschieren gewusst, und insgeheim glaube ich, hat er immer gehofft, man würde ihn irgendwann entlarven. Aber das hatte nur Mutter getan, sonst niemand. Die Schrullen waren Vaters Geheimnis, und niemand in der Bank, in der er fast sein ganzes Leben gearbeitet hatte, ahnte auch nur im Entferntesten, was in Wahrheit in ihm steckte. Niemand würde glauben, dass auf seinem Grab »Rakete« stehen würde, und natürlich würden sie stutzen.


Vater war oft auf Friedhöfen und sah sich die Gräber Fremder an. Um sich inspirieren zu lassen, sagte er. Er machte Fotos und klebte sie in Alben, die er oft durchblätterte und zufrieden dabei wirkte. Meist war er, es verwunderte nicht, angetan von den wenig filigranen, sondern eher überbordenden, üppigen Grabstätten, mit großen bis sehr großen Putten darauf. Wo viel in Trompeten und Götterhörner geblasen wurde. Wo etwas passierte. Remmidemmi war, wie Vater das nannte. 

So etwas wäre doch schön, sagte er dann.

Wer soll denn das bezahlen, fragte ich. 

Er schlug mir nur auf die Schultern, und den Sonntag darauf fing ich an, Prospekte auszutragen. Kellnerte wieder. 


Er wolle einfach nicht begraben werden wie jemand Gewöhnliches, sondern wenigstens im Tod, der ja aller Wahrscheinlichkeit nach für immer wäre, wolle er wirken, als habe er etwas erreicht im Leben. Alle sollen denken, Hans-Jürgen Schmidt, das war bestimmt ein ganz, ganz großer. Ein Dichter, ein Maler, jemand, den die Leute liebten. Ich müsse immer frische Blumen auf das Grab schmeißen, und ob ich nicht, zumindest ab und an, Freunde bitten könne, an seinem Grab zu weinen. Im Notfall auch für Geld. Trauerperser sozusagen, er lachte nicht, er meinte das ernst. 

Schließlich fing er damit an, dass wir Reisen unternehmen sollten, um uns bedeutende Gräber auf der ganzen Welt anzusehen. Wir wurden zu Friedhofstouristen. Wir waren bis dahin nie viel zusammen gereist, und die Momente, in denen wir allein waren, waren selten, und nun waren wir froh, dass wir den Tod hatten, über den wir dann sprachen, und zumindest redeten wir. Das war mehr, als wir in den Jahren zuvor getan hatten, und vielleicht war ich dem Leben in gewisser Weise dankbar dafür, dass es so etwas wie den Tod gab. 


Wir sahen das Grab von Albert Camus, von Jim Morrison und sogar das von Joseph Brodsky, von dem Vater recht enttäuscht war – ein zu kleiner Grabstein, eine wenig pompöse Einfassung mit einigen Blumen darin. Wie kann man nur so begraben werden, wenn man den Nobelpreis gewonnen hat. Den Nobelpreis, schrie Vater. Immerhin befand es sich in Venedig, und vielleicht wäre ja auch das eine Überlegung, er denke da an Las Vegas oder etwa Paris. Was so etwas wohl kosten würde.

So ein Grab ist ja wie eine Visitenkarte, sagte Vater. Auch wenn so ein Grab die Sterblichen Überreste beherbergt, ein Grab bleibt so ziemlich für immer, und so ein Grab existiert ja viel länger als der, der darin liegt, und deshalb ist das Grab im Grunde viel wichtiger als das Leben davor. Beim Leben könne man schludern, aber das Grab müsse etwas hermachen. Und hätte er das viel früher gewusst, er hätte mehr Geld gespart – im Leben abgeknapst, um es für später für den Tod zu haben. Nun mussten wir gucken, wie wir aus dem, was wir hatten, das meisten herausholten. Pompös sollte es sein, möglichst pompös.


Er fragte Nachbarn und Freunde und später auch Fremde über Annoncen im Wochenblatt, ob sie nicht mit ihm zusammen begraben werden wollten, damit man sich die Kosten teilen könne. Vielleicht könne man sich so sogar ein kleines Gebäude leisten, etwas Überdachtes mit Fresken. Zumindest etwas, was auch aus der Ferne zu sehen wäre, aus großer Ferne. 


Doch niemand wollte so recht. Vater war nie einfach, Besuch hatten wir selten, und wenn doch, blieb er meist nicht lange. Und es war klar, dass nun, wo es um nicht weniger als die Ewigkeit ging, dieses Unterfangen nicht ganz einfach sein würde, wenn nicht sogar vollkommen aussichtslos. 


Doch am Ende war all das vollkommen egal. Denn mein Vater starb gar nicht, und mein Vater würde nie sterben. Er habe da etwas herausgefunden, eine Art Trick, den er mir vielleicht irgendwann verraten würde. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.