»In der literarischen Performance-Szene Hamburgs ist er schon lange der bunte Hund, die Rampensau, der komische Vogel – und jetzt will dieser Sven Amtsberg auch noch einen Roman voller skurrilem Horror und lustiger Depression können? Ja, will er. Und kann er!«

Frank Schulz 


»Hier will ein Autor, der als Literatur-Entertainer zur Marke geworden ist, seine Leser unterhalten. Es gelingt ihm vortreff lich.«

Hamburger Abendblatt, Thomas Andre



»Alles drin: Sven Amtsberg Roman ›Superbuhei‹ ist witzig, klug, lakonisch, und spannend.«

STERN, Judith Liere




SUPERBUHEI

ROMAN



»Meine Kneipe, das Klaus Meine, ist nicht viel mehr als ein schmaler Anbau, den man vor ein paar Jahren nachträg­ lich an den Supermarkt gebaut hat, ohne dass heute noch jemand sagen kann, warum eigentlich. Auch nach all den Jahren seines Bestehens wirkt er noch immer wie ein Fremdkörper. Eine Art längliche, gläserne Warze, die ein kleines Stück aus dem Supermarkt herausragt. Das Klaus Meine ist eng. Im Grunde gibt es nur den Tresen, vor dem acht Barhocker stehen, an denen man sich ge­rade so vorbeizwängen kann, will man zu den Toiletten, die sich im Inneren des Supermarkts gegenüber dem Kassenbereich befinden. Es gibt oft Ärger mit der Ge­ schäftsleitung, die sich beschwert, wenn die Betrunke­ nen zwischen den einkaufenden Familien umherwanken. Gerade an Samstagen, wenn im Supermarkt Hochbetrieb herrscht. Und erst vor kurzem habe ich ein Schreiben von der Geschäftsleitung erhalten, in dem es heißt, ich habe dafür Sorge zu tragen, dass der gleichförmige Fluss des Konsums nicht gestört wird. Keine Ahnung, was genau das heißen soll. 


Kommt man aus dem Klaus Meine in den Supermarkt, so ist es, als beträte man eine völlig andere Welt: das grelle Neonlicht, das einen empfängt, dazu die im Gegen­ satz zum Klaus Meine laute Geräuschkulisse aus schrei­ enden Kindern, schwer verständlichen Lautsprecher­ durchsagen und leiser verkaufsfördernder Musik. Die meisten machen sich vom Klaus Meine aus mit Sonnen­ brille auf den Weg zu den Toiletten und versuchen dabei, so normal und unbetrunken zu wirken, wie es ihnen nur eben möglich ist. Betont gleichgültig schlendern sie dann an den Kassen vorbei. Manch einer nimmt sich noch einen leeren Einkaufskorb aus dem Eingangsbereich mit, um nicht zu sehr aufzufallen, oder winkt nonchalant einer der Kassiererinnen zu. Bis zum Mittag, manchmal frühen Nachmittag fallen sie auch gar nicht so auf, geht man nicht zu nah an ihnen vorbei. Erst im Laufe des Tages geraten einige von ihnen auf dem Weg immer mehr ins Trudeln, müssen sich an den Wänden abstützen, am Schwarzen Brett, an dem Zettel mit Angeboten von Kun­ den hängen, die anderen Kunden Unnützes verkaufen wollen. Es ist auch schon vorgekommen, dass einer stürzte, während die Kunden des Supermarktes an den Kassen standen, die Köpfe schüttelten oder demonstrativ weg­ sahen. Die am Tresen, dankbar für jede Abwechslung, beobachten den Toilettengänger gern, was es natürlich für diesen nicht gerade leichter macht. Wir sind dann die im Raumschiff Zurückgebliebenen, die Neil Armstrong zusehen, wie er mit seiner Fahne den Mond betritt. Immer wieder gibt es Diskussionen mit der Geschäfts­ führung des SUPERBUHEI, und jedes Jahr muss ich wieder darum bangen, ob mein Vertrag verlängert wird. Gerade in letzter Zeit hoffe ich manchmal, er würde es nicht. Keine Ahnung, was ich dann täte. Trotzdem wäre ich insgeheim froh, diesen Leuten endlich zu entkom­ men. Diesen ewig gleichen Scherzen über Alkohol und untenrum. Diesem ständigen Lamentieren darüber, dass nichts geschieht, während sie tagein, tagaus hier herum­ sitzen und nichts weiter tun, als aus dem Schaufenster zu starren und zu saufen. Was soll da auch schon groß passieren? 


Seit etwa vier Jahren betreibe ich jetzt diese Kneipe und werde jeden Tag wieder aufs Neue schmerzhaft daran er­ innert, dass aus mir nichts wird. Da der Laden an die Öffnungszeiten des Supermarktes gebunden ist – es gibt keine eigene Eingangstür, die sich absperren ließe – muss ich jeden Tag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends öffnen. Endlos lange Stunden, die ich damit zubringe, durch das große Schaufenster, das die gesamte Front des Ladens einnimmt, den Parkplatz zu beobachten. Oft tun die Gäste es mir gleich. Die Hocker lassen sich drehen, und dann sitzen ich und die Betrunkenen da und be­ trachten schweigend die hektische und manchmal auch trübselige Geschäftigkeit auf dem Supermarktparkplatz. Hin und wieder winkt einer der Trinker einem Kind zu, das schüchtern zurückwinkt, bevor es von seiner Mutter fortgerissen wird. Manche Familienväter halten ihre Söhne vor dem Schaufenster der Kneipe kurz fest, hocken sich neben sie und erklären etwas, während sie kopf­ schüttelnd auf uns zeigen. 


Früher hat man wenigstens noch rauchen können. Doch seit sie das Rauchen im Supermarkt verboten haben, müssen wir rausgehen. Zumindest ich, der ich mich wei­ gere, E­Zigarette zu rauchen. Meist stehe ich allein rau­ chend vor dem Schaufenster und starre hinein, damit niemand Alkohol klaut. Die Gäste winken mit ihren E­Zigaretten. Gäste! Ich muss immer lachen, wenn jemand jene Männer als Gäste bezeichnet. Gäste sind sie ganz sicher nicht. Sie benehmen sich, als würde das alles hier ihnen gehören. Als hätten sie mit ihren täglichen Be­ suchen ein Besitzrecht an der Kneipe erworben. An mir. Aktionäre des Alkohols. Andere – richtige – Menschen verirren sich nur selten hierher. Und wenn doch, so kann man ihnen ihr Unwohlsein schon kurz nach dem Betre­ ten ansehen. Es gibt nicht viele Getränke im Klaus Meine, in denen kein Alkohol ist. Als ich eröffnet habe, hatte ich noch die Vorstellung, hier würden Familienväter mit ihren Kindern sitzen und sich bei einer Brause und einem Cappuccino von den Strapazen des Lebensmittelerwerbs erholen. Anfangs gab es noch verschiedene Brausesorten, teilweise sehr exotische wie Drachenfrucht oder Litschi. Doch schon kurz nach der Eröffnung wurde das Klaus Meine von den Trinkern okkupiert, die den gesamten Laden in Beschlag nahmen, so dass allein schon vom Platz her eigentlich niemand anders mehr hineinpasste. Nun ist die Fanta meist schal, und nur die Cola hat Koh­ lensäure, weil viele gegen Nachmittag auf Jim­Beam­ oder Bacardi­Cola (JimBiCo und BaCo) umschwenken, wenn das Bier sie bleiern und schläfrig hat werden las­sen. 


Diese Trinker sind Fluch und Segen zugleich. Ohne sie wäre der Laden vermutlich längst pleite. Trotzdem er­ trage ich sie kaum noch und kann meine Abneigung ihnen gegenüber auch nicht verhehlen. Meist sind sie viel zu betrunken, um es überhaupt zu bemerken. Und tun sie es doch, kann ich mir sicher sein, dass sie es am nächsten Tag wieder vergessen haben. Sie vergessen wirk­lich alles. Jeden Morgen stehen sie vor dem Supermarkt, harren an­ gestrengt aus, und ein wenig fühle ich mich dann wie jemand, der einer richtigen Arbeit nachgeht und des­ sen Kollegen morgens vor dem Betriebsgebäude auf ihn warten. Es sind immer dieselben neun, zehn Gestalten. Ich frage mich, ob es vielleicht daran liegt, dass ich nur acht Barhocker habe, dass sie so früh kommen, ein, zwei also immer stehen müssen. Eine Art Reise nach Bedusa­lem. Sie bleiben, bis ich Feierabend mache – oder sie ein­ fach nicht mehr können. In dem Fall bestelle ich ein Taxi und bin dem Fahrer beim Einladen des Betrunkenen behilflich. Von fast allen habe ich die Adresse in einem kleinen Karteikästchen hinter dem Tresen. Einmal traf ein Schreiben von einem Taxiunternehmen ein, in dem man mir mitteilte, dass der und der sich auf der Fahrt eingenässt habe und ob ich mich nicht an der Reinigung der Sitze beteiligen wolle. Rechtlich sei ich dazu natür­lich nicht verpflichtet, hieß es da, doch trotzdem trüge ich ja zumindest eine Teilschuld an dem Malheur. Natür­lich zahlte ich nicht. 


Alle sind erfahrene Trinker, die betrunkener wirken, wenn sie nicht getrunken haben. Doch hin und wieder kommt es zu alkoholbedingtem Überschwang, der so plötzlich aufbrandet, wie er wieder verschwindet. Dann beginnen sie unvermittelt zu singen, zu tanzen, ja, zu lachen. Einer ist mal auf den Tresen gestiegen und hat zu einem Scor­pions­-Song getanzt, nachdem er zuvor Stunden nahezu reglos am Tresen verharrt hatte. Sofort kam Stanislawski von der Geschäftsleitung, um mit mir zu reden, dass ich ein bisschen ein Auge auf die – er suchte nach dem rich­ tigen Wort, sagte schließlich, mit einem süffisanten Lächeln, »Kunden« haben solle. Sie haben Kameras, mit denen sie uns beobachten. Einmal haben sie sogar eine Lautsprecherdurchsage gemacht, und die Leute an der Kasse, auch Mona und ihre Kolleginnen, haben zum Klaus Meine rübergesehen. Es war unangenehm. Gerade in letzter Zeit beschleicht mich das Gefühl, dass Mona mich für das, was ich tue, eher belächelt. Gerade sie! Als wenn sie es als Kassiererin so viel besser getroffen hätte. Hinter dem Tresen hängt ein großes Porträtfoto von Klaus Meine. Es laufen ausschließlich Songs der Scor­pions. Zwölf Stunden lang. Jeden Tag wieder. Ich bin froh über jede neue Platte, die sie herausbringen. Gerade über das Comeblack­-Album, auf dem sich zusätzlich zu Neu­einspielungen alter Titel auch Cover­Songs befinden. Das sorgt wenigstens für etwas Abwechslung. Wir hören nun oft Tainted Love. Das alles ist Teil, oder war es zumin­dest, eines ausgeklügelten Konzepts, das ich mir in mei­ ner Anfangseuphorie überlegt habe. Klaus Meine – das sollte der intellektuelle Überbau fürs schnöde Saufen sein. Zusätzlich hatte ich den Getränken Namen wie Gin of Change oder aber Grog You Like A Hurricane gegeben. Irgendwie habe ich gehofft, der Name Klaus Meine würde diesem Laden zu ein wenig Glamour verhelfen. Aber ver­mutlich wollte ich mich dadurch, dass es überhaupt eine Art Konzept gab, nur selbst darüber hinwegtäuschen, dass aus mir nichts geworden und das Klaus Meine in Wahrheit nichts anderes als eine weitere Kaschemme ist.«




Sven Amtsberg »Superbuhei«. Frankfurter Verlagsanstalt. Hardcover, 360 Seiten. 

SUPERBUHEI – DER FILM



SUPERBUHEI wird verfilmt. Die Dreharbeiten sind geplant für Herbst 2024 in Niedersachsen. Produziert wird der Spielfilm von junifilm. Als ausführende Produzentin fungiert Janina Sara Hennemann; Josef Brandl ist Hauptautor des Drehbuchs und wird die Regie führen.

Lesung aus »Superbuhei« in Langenhagen